Jakob Scheuring – das Ottenauer Sprinterass

Deutsche 4 x 100 m-Staffel beim Länderkampf Deutschland – Amerika mit Jakob Scheuring (re.) am 13.08.1938. Rekordlauf: 40,3 Sekunden.
Ottenauer 4 x 100 m-Staffel Badischer Meister 1937: Johannes Merkel, Max Ulrich, Fritz Merkel, Jakob Scheuring (v.l.)
Siegeslauf zur Deutschen Meisterschaft über 200 m im Berliner Olympiastadion Scheuring vor Neckermann, 09.07.1939
Jakob Scheuring vor seinem Friseurgeschäft in der Hauptstraße

Kurt Spitzmüller, Initiator mehrerer "Sportfeste ohne Sportplatz" in Nordrach bei Zell am Harmersbach, berichtet: "Das erste Sportfest (1946) wäre beinahe schief gelaufen. Als die Sprinter die mickrige Dorfstraße im strömenden Regen erblickten, wollten sie kneifen. Aber der ebenfalls gemeldete Doppel-Europa-Meister von 1938, Jakob Scheuring, erklärte: "Für die Butter-Creme-Siegertorte laufe ich die
100 m und 200 m auch ohne Konkurrenz!" Da war das Eis gebrochen.

Diese Anekdote zeigt zweierlei: Jakob Scheuring war ein Sprinter der Weltklasse und immer ein trefflicher Sportkamerad. Er wurde am 29.10.1912 in Odenheim bei Bruchsal geboren. Nach Ottenau fand er 1932 als Friseur. Hier, beim Turnerbund Ottenau, wurde er zum "schnellsten Figaro der Welt": 1934 errang er seinen ersten Kreismeistertitel über 100 min in 10.9 sec. Diesen Titel gab er nicht mehr ab bis zum Ende seiner Karriere voller Glanzlichter. Sein Vorbild führte auch Fußballer zur Leichtathletik: Jörg Hoesch wurde Badischer Jugendmeister über 100 m und Johannes Merkel, Karl Schmitt und Wilhelm Schmitt, alle vom FV Ottenau, zusätzlich Dritter über 4 x100 m bei den Badischen Jugendmeisterschaften 1934 im Karlsruher Stadion.

Anlässlich eines Länder-Vergleichskampfes Baden-Elsass sprintete Jakob Scheuring die 100 m am 13.08. in Lahr in 10.3 Sec. Schon am 24.06. war er in Mannheim die 200 m in 21.0 Sec. gelaufen, beides 1939. Über die 200 m heimste er drei deutsche Meister ein: 1938, 1939 und 1941. In diesem letzteren Jahr fügte er noch den Titel über 100 m hinzu. Zusammen mit Hornberger, Neckermann und Kersch errang er 1938 in Paris den Titel eines Europameisters für die deutsche 4 x 100 m-Staffel. Mit Borchmeyer, Hornberger und Hartig zusammen schaffte er in der Nationalstaffel am 29.07.1939 einen Europarekord in 40.1 Sec. Auch an dem damaligen Europarekord über 4 x 400 m in 3:10,4 min., erzielt am 16.07.1939 in Mailand, war Jakob Scheuring mit Hölling, Hamann und Rudolf Harbig beteiligt. Der Ottenauer Läufer bewies mit 33.8 Sec. über 300 m in Köln 1939, daß gerade der Langsprint seine Domäne war.

Der leidige Krieg verhinderte eine weitere Entfaltung seines Könnens. Als Verletzter kehrte Jakob Scheuring zurück. Trotzdem: Noch 1947 holte er die südbadischen Meistertitel über 100 und 200 m für die Sportvereinigung Ottenau. Namen wie Fritz Merz, Franz Wassmer, Emil Bandel, Walter Gutterer, Karl Merkel, Valentin Simon, Erich Ibach zeigen, welche Begeisterung für die Leichtathletik in Ottenau entbrannt war. Jakob Scheuring startete 17 Mal in der deutschen Nationalnmannschaft. In Helsinki, Stockholm, Oslo, Malmö, Dublin, London, Paris, Brüssel, Turin, Mailand, Budapest und Bukarest demonstrierte er seine Laufkunst auf internationaler Bühne. Aber auch das Training in den heimischen Wäldem oder auf der ihm zu Liebe auf die standartmäßigen 400 m gebrachte Aschenbahn am Amalienberg fand lebhaften Zuspruch. Die Sportvereinigung richtete dort unter anderem am 8./9.07. die Badischen Jugendmeisterschaften und am 07.06.54 den Länderkampf Baden-Württemberg aus. Zur Eröffnung war für den September 1939 ein großes Leichtathletikfest geplant unter Mitwirkung der damaligen deutschen Leichtathletik-Elite. Es fiel dem Kriegsbeginn zum Opfer.

Endlich sorgte auch Jakob Scheurings Tätigkeit als Trainer (von 1946 bis zu den Olympischen Spielen von Helsinki 1952) der deutschen Sprinter dafür, daß das Laufen in Ottenau bis heute populär blieb. Gustl Pfistner und Karl Schmitt pflegten weiterhin, was so hoffnungsvoll begonnen wurde. Jakob Scheuring lebt heute im Kreis seiner Familie in Odenheim.

Jakob Scheuring ist am 8. Dezember 2001 in seinem Heimatort Odenheim verstorben. Er wäre am 29.10.2002 neunzig Jahre alt geworden.